Q2 2016: Deutschland, ein Zwei-Klassen-Markt

SmartWeb Mobilfunk Report Deutschland Q2 2016

Der deutsche Mobilfunkmarkt ist gespalten: Während die Provider in der Premium-Klasse geschlossen auf "Mehr für Mehr"-Strategien setzen, nimmt der Preisdruck in der Non-Premium-Sparte wieder spürbar zu. Die Netzbetreiber sind bemüht, eine klare Linie zwischen den zwei Teilmärkten zu ziehen - bedienen müssen sie aber beide.

Aktualisiert 10.03.2017
SmartWeb Mobilfunk Report Q2 2016 - Deutschland, ein Zwei-Klassen-Markt 4.5 / 5 2 1 Sterne 2 Sterne 3 Sterne 4 Sterne 5 Sterne (2)

Zum Ende des Q2 2016 belief sich die Zahl der Mobilfunk-Kundenverträge in Deutschland auf knapp über 114,8 Millionen. Gegenüber dem Vorquartal kamen die drei deutschen Netzbetreiber dabei auf ein deutliches Plus von rund 840.000 Mobilfunkverträgen.

Unterm Strich verzeichnete sowohl das Postpaid- als auch das Prepaid-Segment im Q2 2016 ein starkes Wachstum. Der Löwenanteil der Netto-Zugewinne allerdings verfiel abermals auf die besonders lukrativen Laufzeitverträge, deren Anzahl zwischen April und Ende Juni um weitere 503.000 auf 60,3 Millionen angestiegen ist. Der Gesamtbestand an aktiven Prepaid-Mobilfunkkarten wiederum hat sich im gleichen Zeitraum um 337.000 auf 54,53 Millionen erholt.

SmartWeb Mobilfunk Report Q2 2016

Telefónica will Neuaufstellung bald abschließen

Gemessen an der Summe der Mobilfunkkunden im eigenen Netz ist Telefónica Deutschland weiterhin der klare Marktführer. Im Q2 2016 ist die Zahl der Teilnehmer im o2 Netz nochmals deutlich angestiegen und legte um 409.000 auf 43,4 Millionen zu.

Im Postpaid-Bereich konnte die Telefónica Gruppe mit 339.000 Netto-Neuverträgen sogar ihren bislang stärksten Zuwachs in einem Quartal verzeichnen. Zum 30. Juni belief sich die Zahl der Postpaid-Kunden im o2 Netz damit auf 19,6 Millionen.

Im Prepaid-Bereich konnte Telefónica zwischen April und Ende Juni ein Plus von immerhin 71.000 Kundenverträgen verzeichnen. Mehr als die Hälfte des Nettozugewinns ist jedoch nicht auf die eigenen Marken zurückzuführen, sondern auf das starke Partnergeschäft. Rund 53 Prozent der Prepaid-Neuverträge gingen auf das Konto der verschiedenen Partnermarken, die mit besonders günstigen Angeboten auf dem zunehmend umkämpften Non-Premium-Markt punkten konnten.

Diese Marktdynamik hat auch Auswirkungen auf die Mobilfunk-Serviceumsätze des Unternehmens, die zudem durch die Absenkung der internationalen Roaming-Gebühren unter Druck sind. Hier hatte Telefónica im Q2 2016 ein Minus von 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Aktuell ist der Netzbetreiber noch immer stark im umsatzschwächeren Prepaid-Geschäft verwurzelt - anders als bei den beiden großen Konkurrenten liegt der Postpaid-Anteil im o2 Netz weiterhin deutlich unter 50 Prozent.

Der Gesamtumsatz der Mobilfunksparte wiederum hat im gleichen Zeitraum sogar um 6 Prozent auf 1,584 Mrd. Euro nachgegeben. Das deutliche Minus ist nicht zuletzt einem allgemeinen Markttrend geschuldet: Die Nachfrage nach Smartphones und Tablets hat sich zwischenzeitlich deutlich abgeschwächt, die Austauschzyklen sind länger geworden. Als direkte Folge ist der Endgeräteumsatz der Telefónica um 26 Prozent auf 226 Millionen Euro zurückgegangen.

Markenprofile sollen weiter geschärft werden

Unterdessen war Telefónica weiter mit der Neuordnung seines Markenportfolios beschäftigt (siehe dazu auch Mobilfunk Report Q4 2015). Zwar will der Konzern auch in Zukunft alle Marktsegmente mit passenden Marken abdecken, durch die Umstrukturierung soll jedoch nicht zuletzt die eingangs erwähnte Trennung zwischen Premium- und Non-Premium-Segment noch klarer herausgearbeitet werden.

Die wesentlichen Schritte sind inzwischen vollzogen: Im Juli hat das Unternehmen so die zwischenzeitlich pausierte Marke Base wie angekündigt als reines Online-Angebot wiederauferstehen lassen, der Markenauftritt von Simyo hingegen wurde zum Monatsende eingestellt. Die ehemaligen Simyo-Kunden sollen über die kommenden Monate hinweg zu Blau - der designierten Hauptmarke für den Non-Premium-Bereich - überführt werden. Die alleinige Premium-Marke o2 wiederum wird durch die Migration der alten Postpaid-Kunden von Base und E-Plus gestärkt, deren Abschluss sich Telefónica für das Q3 2016 als Ziel gesetzt hat.

Diagramm: Kundenzahlen der Mobilfunk-Netzbetreiber in Deutschland Q2 2016

Vodafone oder Telekom: Wer ist die wahre Nummer Zwei?

Wie Telefónica hat im Q2 2016 auch die Deutsche Telekom einen ordentlichen Kundenzuwachs eingefahren. Unterm Strich ist die Zahl der Telekom Mobilfunkverträge um 496.000 auf 41,14 Millionen geklettert. Im Postpaid-Bereich konnte der Netzbetreiber mit 156.000 zusätzlichen Laufzeitverträgen zwar nicht ganz an die Ergebnisse der vorangegangenen Quartale anknüpfen, gleichzeitig verzeichnete die Telekom aber einen massiven Anstieg im Prepaid-Segment. Innerhalb von drei Monaten hat das Unternehmen so um volle 339.000 auf knapp über 17 Millionen Prepaid-Kundenverträge zugelegt.

Wie aber erklärt sich dieser deutliche Ausschlag? Hier hilft ein genauerer Blick auf die Zusammensetzung der Vertragszugewinne. Im Privatkundengeschäft ist die Zahl der Telekom Mobilfunkverträge seit Jahresanfang nämlich im Wesentlichen stabil geblieben. Nur die Verschiebung weg vom Prepaid- hin ins Vertragskundensegment hat sich weiter fortgesetzt: Unterm Strich hat die Telekom im ersten Halbjahr so zwar 249.000 Prepaid-Kundenverträge eingebüßt, auf der anderen Seite aber auch 229.000 Postpaid-Verträge hinzugewonnen. Viele ehemalige Prepaid-Kunden sind dabei schlicht auf einen höherwertigen Postpaid-Tarif gewechselt - etwa auf ein entsprechendes Angebot der günstigeren Telekom-Zweitmarke Congstar.

Die aktuellen Netto-Zugewinne der Telekom sind damit in erster Line auf die Business-Sparte zurückzuführen. Im ersten Halbjahr kam die Telekom hier auf ein Netto-Plus von 158 Tsd. werthaltigen Vertragskunden - ein willkommenes, aber vergleichsweise moderates Wachstum. Einen rapiden Anstieg hingegen konnte die Telekom bei der Zahl der Prepaid-Karten verzeichnen - allein im ersten Halbjahr hat der Netzbetreiber hier rund 626.000 zusätzliche Karten aktiviert. Ursache hierfür ist der vermehrte Einsatz von SIM-Karten für die Machine-to-Machine Kommunikation (M2M), laut Telekom vor allem in der Automobil- und der Logistikbranche.

Diagramm: Marktanteile der Mobilfunk-Netzbetreiber in Deutschland Q2 2016

Die Zahl der Vodafone Mobilfunkkunden belief sich zum 30. Juni auf insgesamt 30,27 Millionen - ein leichtes Minus von 64.000 Verträgen gegenüber dem Vorquartal. Dabei ist der Bestand an Prepaid-Kundenverträgen im Q2 2016 um weitere 72.000 auf 13,67 Millionen zurückgegangen, im lukrativen Postpaid-Segment hat Vodafone dagegen ein kleines Plus von 8.000 Kundenverträgen eingefahren.

Im Ranking der kundenstärksten deutschen Netzbetreiber bildet Vodafone damit auf den ersten Blick das klare Schlusslicht - doch dieses Bild will der Provider nun geraderücken. Zusätzlich zu seiner bisherigen Zählung hat Vodafone Deutschland deshalb zum ersten Mal auch die Gesamtzahl seiner SIM-Karten ausgewiesen, in der auch die im M2M-Bereich eingesetzten SIM-Karten sowie die über virtuelle Netzbetreiber (MVNOs) angeschlossenen Kunden berücksichtigt sind. Und die lag zum Ende des Q2 2016 bei 41,9 Millionen - womit sich Vodafone in dieser Hinsicht tatsächlich vor der Deutschen Telekom platziert.

Telekom noch immer klarer Marktführer bei den Serviceumsätzen

Aber auch wenn Vodafone mit einiger Berechtigung den zweiten Platz im Kunden-Ranking für sich beansprucht - was die Höhe des Serviceumsatzes angeht, kann der Telekom keiner der beiden Konkurrenten die Marktführerschaft streitig machen. Im Q2 2016 brachte es die Telekom so auf einen Mobilfunk-Serviceumsatz von 1,66 Mrd. Euro, danach folgt Vodafone mit 1,51 Mrd. Euro. Telefónica bildet mit einem Mobilfunk-Serviceumsatz von 1,36 Mrd. Euro weiter das Schlusslicht unter den Netzbetreibern.

In diesen Kennzahlen spiegelt sich auch die jeweilige Ausrichtung der drei Konkurrenten wieder, die sich nicht zuletzt in einem unterschiedlichen Kundenmix niederschlägt. Telefónica beispielsweise ist wie erwähnt am stärksten im Non-Premium-Geschäft involviert, in dem sich der Preisdruck seit Jahresbeginn deutlich verstärkt hat. Daher sieht sich der o2 Konzern einem besonders schwierigen Marktumfeld gegenüber und musste mit einem Minus von 1,7 Prozent konsequenterweise auch den stärksten Rückgang beim Serviceumsatz hinnehmen.

Die Deutsche Telekom und Vodafone liegen in Hinsicht auf die Kundenmischung wesentlich näher beieinander. Allerdings kann die Telekom noch immer einen deutlich höheren Postpaid-Anteil vorweisen. Darüber hinaus hat Vodafone nach eigener Aussage zwar insbesondere im Q2 2016 massiv im Bereich M2M-Bereich zugelegt - doch im Firmenkundengeschäft herrscht ebenfalls ein sehr hoher Preisdruck.

Die Kundenverträge aus den verschiedenen Marktsegmenten haben also eine teils sehr unterschiedliche Wertigkeit. Besonders gut zeigt das eine Aufstellung der Deutschen Telekom, die den jeweiligen durchschnittlichen monatlichen Umsatz pro Kunde (ARPU) gegenüberstellt: Ganz an der Spitze stehen hier die Postpaid-Verträge im Business-Segment, die einen ARPU von rund 27 Euro aufweisen. An zweiter Stelle folgen die Laufzeitverträge der Privatkunden, die auf einen ARPU von 19 Euro kommen. Im Prepaid-Segment wiederum sorgt der durchschnittliche Privatkunden-Vertrag für etwa 4 Euro Umsatz im Monat. Vergleichen mit einem Prepaid-Vertrag im Business-Bereich ist das allerdings noch eine ganze Menge - hier beträgt der ARPU bei der Telekom gerundet nämlich gerade einmal einen Euro.

Warum die Marktsegmentierung die Premium-Klasse schützt

Dass Telefónica viel Energie in die Schärfung seiner Markenprofile steckt, ist zu einem großen Teil schlicht den hiesigen Marktbedingungen geschuldet. Denn der deutsche Mobilfunkmarkt - hier sind sich die großen Player einig - ist ungewöhnlich stark segmentiert. Und die entscheidende Demarkationslinie verläuft eben genau zwischen den bereits erwähnten Sparten "Premium" und "Non-Premium".

Wie Vodafone in seiner Analystenkonferenz zum Q2 2016 dargelegt hat, sind andere europäische Märkte im Vergleich wesentlich stärker auf bestimmte Segmente fokussiert. Spanien beispielsweise bildet so einen äußerst konvergenten Markt, der von umfassenden Bündel-Produkten dominiert wird. Die großen Anbieter haben sich zuletzt jedoch einen harten Preiskampf geliefert, nachdem sich die Umsätze nun erst wieder langsam stabilisieren. Der italienische Markt wiederum ist laut Vodafone in erster Linie auf günstige Prepaid-Angebote ausgerichtet, die zudem mit hohen Preisnachlässen beworben werden.

Die Zweiteilung des deutschen Mobilfunkmarktes hat für die Netzbetreiber derzeit einen großen Vorteil - sie hilft dabei, Preiskämpfe aus dem Premium-Bereich herauszuhalten. Statt auf Dumping-Preise setzen die Mitbewerber hier nämlich mehr oder weniger geschlossen auf "Mehr für Mehr"-Strategien. So haben die Provider ihre Premium-Tarife in den vergangenen Monaten mit höheren Datenvolumen und weiteren Zusatzleistungen aufgewertet, konnten im Gegenzug aber auch das Preisniveau hoch halten (siehe hierzu auch SmartWeb Mobilfunk Report Q1 2016).

Auch der Umstand, dass sich die Nachfrage nach Smartphones langsam abkühlt, bringt zusätzlich Stabilität in den Markt. Das ohnehin margenschwache Hardware-Geschäft haben die Netzbetreiber so inzwischen stark zurückgefahren - womit auch die über Smartphone-Subventionen ausgetragenen Preisgefechte weitgehend der Vergangenheit angehören. In Verbindung mit den generell länger werdenden Hardware-Austauschzyklen dürfte dies zu einer deutlich niedrigeren Kundenfluktuation beitragen. Schließlich entfällt mit der Jagd nach dem nächsten Smartphone-Lockangebot ein weiterer Anreiz für die Konsumenten, regelmäßig von Anbieter zu Anbieter zu wechseln.

Netzbetreiber LTE Kunden
Q2 2016
LTE Kunden
Q2 2015
LTE Abdeckung
Q2 2016
LTE Abdeckung
Q2 2015
Logo Telekom

Telekom

9,9 Mio.

7,0 Mio.

91%

85%

Logo o2

o2

9,4 Mio.

6,1 Mio.

77%

<75%

Logo Vodafone

Vodafone

8,4 Mio.

5,5 Mio.

89%

78%

Tabelle oben: LTE Abdeckung und Kundenbestand der deutschen Netzbetreiber; vergleiche auch SmartWeb Mobilfunk Report Q2 2015

Nicht zuletzt entspricht die Trennung zwischen Premium und Non-Premium auch der Aufteilung zwischen einem 3G- und einem 4G-Markt. Wer eine schnelle mobile LTE Verbindung möchte, muss sich daher fast zwangsläufig ins Premium-Segment begeben. Die Netzbetreiber sind aktuell sehr darauf bedacht, diese Abgrenzung aufrechtzuerhalten. So verwehren die Telekom und Vodafone auch den Kunden ihrer Zweitmarken Congstar und Otelo derzeit noch konsequent den Zugang zu ihrem LTE-Netz.

Generell hält auch Telefónica an der Trennung zwischen Premium und Non-Premium fest. Doch gerade im o2 Netz beginnt sich diese Grenze aufzuweichen. So kann die Drillisch AG, an die Telefónica im Zuge der E-Plus-Übernahme Netzkapazitäten abgeben musste, als virtueller mobiler Netzbetreiber (MVNO) eigene LTE Tarife im o2 Netz anbieten. Darüber hinaus existiert auch ein noch von E-Plus abgeschlossener MVNO-Vertrag mit United Internet, der 1&1 Zugang zum LTE Netz gewährt - wenn auch mit eingeschränkten Spitzengeschwindigkeiten für die Endkunden.

Aber auch innerhalb des eigenen Markenportfolios hat Telefónica die von der Konkurrenz beschworene Linie bereits überschritten. Über seine frisch gerelaunchte Marke Base bietet der Netzbetreiber nämlich selbst Non-Premium Tarife mit LTE Zugang an - möglicherweise als direkte Konkurrenz zu den nahezu identisch aufgebauten 1&1 Mobilfunkangeboten. So oder so ist aber der erste Schritt gemacht. Wie lange die Abgrenzung der beiden großen Marktsegmente über die Mobilfunk-Generation noch funktioniert, bleibt also abzuwarten.


Weiterführende Informationen zu den einzelnen Anbietern

Als Ergänzung zum vierteljährlich erscheinenden Mobilfunk Report bereitet SmartWeb die Geschehnisse auf dem deutschen Markt in News-Meldungen auf und stellt zusätzliche Info-Grafiken zu den einzelnen Netzbetreibern bereit. Der Stand zum 2. Quartal 2016:



DSLWEB Archiv: Der deutsche Mobilfunkmarkt im Rückblick

Die Quartalsberichte, die SmartWeb regelmäßig veröffentlicht, bilden immer nur den aktuellen Stand der Verhältnisse auf dem deutschen Mobilfunkmarkt ab. Um Trends zu verfolgen und Rückschlüsse auf die Marktentwicklung ziehen zu können, bedarf es den Blick auf längerfristige Zeiträume.

SmartWeb begleitet den deutschen Mobilfunkmarkt seit 2012 mit vierteljährlichen Reports. Über den Gesamtindex lassen sich alle bisherigen Ausgaben zentral abrufen.

Zur Gesamtübersicht: SmartWeb Mobilfunk Report Deutschland

Alle SmartWeb Mobilfunk-Reports aus dem Jahr 2016 lassen sich auch direkt über folgende Links erreichen:

Archiv der DSLWEB Marktreports